Ich war am Wochenende in München: Freunde besuchen, Marathon laufen, Haxe essen – in der Reihenfolge.

Am Sonntag war es wieder soweit: Ich habe mit etwas über 20.000 anderen Läuferinnen und Läufern die Münchner Innenstadt unsicher gemacht. Beim MünchenMarathon galt es mal wieder, 42,195 Kilometer laufend (zumindest überwiegend 🙂 ) zurückzulegen. Um es vorweg zu nehmen: Ja, ich hab’s geschafft – obwohl ich im Urlaub kaum zum Trainieren gekommen bin und bis kurz vor dem Lauf noch ein wenig erkältet war. Und es war affengeil…

Los ging’s am Sonntagmorgen bei bestem Laufwetter (etwa 10°C und strahlendem Sonnenschein) um zehn Uhr im Olympiapark in München. Die Genussläufer (zu denen ich mich auch zähle) waren etwas später, um 10:15 Uhr, dran. Und damit ging’s dann los: Ich sollte um viertel nach zehn im Startblock D loslaufen. Allerdings hatte ich keine Durchlassstellen in den Gittern gefunden, die den Startbereich abtrennen – also gab es zwei Optionen: Entweder ich gehe über die Startbrücke und quetsche mich an tausenden von Läufern vorbei, oder ich stelle mich hinten an und schlängle mich ein kleines Stückchen nach vorne durch. Das war etwas einfacher, sodass ich irgendwann am Ende von Block D ankam – trotzdem bin ich nicht mit den „D-Läufern“ nach vorne gegangen (das ist das Problem, wenn man Kopfhörer aufhat und Musik übers Handy hört: man kriegt nicht alles mit), sondern mit dem Block E gestartet. Meine Befürchtung, dass das ein sehr einsamer Lauf werden könnte, weil im Block E die Staffelläufer gestartet sind (die laufen schneller, weil sie nicht die ganzen 42,195 Kilometer vor sich haben), bewahrheitete sich zum Glück nicht: Ich war auf der gesamten Strecke nicht alleine.

Zuerst hat es wie üblich Spaß gemacht: Das Publikum hat gejubelt, was das Zeug hielt, wir sind alle beinahe die Strecke entlang „geschwebt“. Als es in den Englischen Garten ging, wurden wir von den „Münchner Blasebubn“ mit lokaltypischer Musik empfangen – ob das die richtigen Töne für die Motivation sind, sei mal dahin gestellt…

Etwa bei Kilometer 14 verspürte ich auf einmal ein Scheuern am linken Fuß – das könnte eine Blase geben. Kein Problem, mit ausgefallenen Zehennägeln kenne ich mich seit einigen Wochen aus (sowas kann passieren, wenn man im Geschäft nicht merkt, dass die Laufschuhe doch etwas zu klein sind, und dann damit zehn Kilometer läuft). Außerdem hatte ich einen kleinen Stein im Schuh, der sich aber ziemlich schnell so hingeruckelt hat, dass er kein Problem darstellte.

Irgendwann (ich glaube bei km 18 oder 19) ging es einmal etwas bergauf. Dann kam die Halbmarathon-Marke – mit entsprechendem Radau. Hier war nochmal ordentlich was los; auf Facebook war zu lesen, dass die nächsten fünf oder sechs Kilometer nicht so toll sein sollten: Wenig Zuschauer, keine schöne Strecke. Na, schaun mer ma, dann sehn mer scho – diese Einschätzung stellte sich allerdings als ziemlich korrekt heraus…

Auf einmal kam mir die Gegend bekannt vor: Der Ostbahnhof (hier hat ein Werkzeughändler sein Geschäft, und ich war bei meinem letzten Besuch in München mal dort, um ein wenig einzukaufen). Da war ein S-Bahnschild; wenn ich wollte (und ich war kurz davor zu wollen), hätte ich hier aufgeben können. In so einer Situation ist es hilfreich, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass der Zweck der Veranstaltung die Bewältigung eines Marathons ist – und der endet nicht nach 27 Kilometern. Die Trommler-Truppe, die kurz danach zu hören war, hat die Meinungsfindung positiv beeinflusst.

Irgendwo zwischen Kilometer 29 und 30 wollte ich mich ein wenig stärken – ich wusste, dass die Dampframme hinter jeder Ecke lauern konnte. Also gab es einen Power-riegel mit Beeren-Geschmack, den ich im Laufen aus der Tasche pfriemeln und irgendwie aufreißen musste. Was dann folgte, war der Hammer: Dass diese Riegel hauptsächlich Kohlehydrate enthalten, ist klar, aber dass sie eine Konsistenz wie Bauschaum haben (wird im Mund immer mehr), war schon irgendwie ekelig – vom Geschmack ganz zu schweigen…

Eine ähnliche Erfahrung hatte ich kurze Zeit später mit einem Energy-Gel – die wurden an einigen Verpflegungsstellen ausgegeben. Ich erwischte die Geschmacksrichtung „Salted Watermelon“. Hurra! Zumindest bis ich es im Mund hatte: Dass Wassermelonen etwas süßlich schmecken, war mir klar; dass mir aber von diesem Gel der Mund zuklebt, war dann doch nicht wirklich schön. Geistesgegenwärtig (oder was davon noch übrig war) hatte ich mit dem Gel gewartet, bis ich kurz vor einer weiteren Verpflegungsstelle war – so konnte ich das Zeug mit Wasser runterspülen und mir den Mund auswaschen…

Nach etwa 31 Kilometern – die Dampframme hatte mich trotz der frisch aufgenommenen Kohlehydrate gerade erwischt – ging mir nur ein Gedanke durch den Kopf: „Wieso mach‘ ich diesen Sch… eigentlich?“ Die Antwort folgte kurz darauf am Marienplatz: Hier war die Hölle los. Vergleichbar mit dem, was in Hamburg am Eppendorfer Baum / Klosterstern abgeht, gefühlt sogar mehr… Im Bereich Theresienstraße wurde es etwas eng: Hier steht nur die halbe Fahrbahnbreite zur Verfügung, weil wir hier auch wieder ein Stück zurücklaufen müssen.

Dann kam die Kurve, wo die 10km-Läufer heute Morgen (ja, ich war langsam unterwegs 🙂 ) links und die Marathonis rechts abgebogen sind. Jetzt endlich durfte ich hier auch links abbiegen. In der Kurve rief mir eine Zuschauerin zu: „Los, das sind nur noch vier Kilometer; das schaffst du, gib Gas!“ Dass ich das schaffen werde, wusste ich auch. Ich wusste aber auch, dass vier Kilometer sehr lang sein können…

Etwa bei Kilometer 40,5 nehme ich die Kopfhörer ab – das letzte Stück kann ich sie in der Hand halten, schließlich will ich das Spektakel im Stadion miterleben und nicht wieder wie beim Start die Hälfte verpassen…

Aus dem Stadion ertönt Musik – ich kenne das Lied, habe es aber mittlerweile wieder vergessen. Da vorne ist der Marathon-Tunneljan_muenchenmarathon2016, der ins Stadion führt. Eigentlich hatte ich mir für diesen Moment „Hamburg, meine Perle“ gewünscht. Die Titelmusik von „Star Wars“ ist aber auch angemessen. Auf geht’s in den Tunnel. Eine weibliche Stimme erzählt mir immer wieder, dass ich es bald geschafft habe, es nicht mehr weit ist („nur“ noch 350 Meter) und dass es schön ist, dass ich da bin. Ich freue mich darüber – und bin froh, dass ich kein Epileptiker bin – die Lichtorgel im Tunnel hätte den Zieleinlauf wahrscheinlich noch weiter hinausgezögert…

Dann sehe ich das Licht am Ende des Tunnels und bewege mich darauf zu. Im Stadion scheint die Sonne – kein Wunder: Das Wetter war den ganzen Tag traumhaft, und in den paar Sekunden, die ich im Tunnel war, hat sich daran nicht wirklich etwas geändert. Ich laufe an der Innenbahn entlang – jetzt zählt jeder Zentimeter. Auf einmal höre ich eine Stimme, die meinen Namen ruft. Ich überlege kurz, ob der Lauf vielleicht doch etwas zu anstrengend war, blicke mich um und sehe meine Freunde auf der Tribüne. Sie winkt, er fotografiert. Ich winke zurück – hätte nicht gedacht, dass es mir so schwerfällt, den Arm zu heben – und laufe fast einen Fotografen über den Haufen, der sich an der Innenbahn positioniert hat.

Und dann ist sie da: Die letzte Kurve, die auf die Zielgerade führt. Jetzt merke auch ich, dass es nicht mehr weit sein kann – die Endorphine bringen sich in Stellung… Ich laufe weiter und höre irgendwann das Piepen der Zeitmess-Matte. Und dann ist es geschafft. 42,195 Kilometer. In diesem Moment kennen die Endorphine, die sich bis jetzt brav zurückgehalten haben, kein Halten mehr. Die Party steigt. Ich schwebe durch die Gegend. Ein Helfer hängt mir mit den Worten „Glückwunsch, du hast es g’schafft“ eine Medaille um den Hals. Ich bedanke mich artig und gehe zu einem der vielen Bierstände. Die gute Nachricht ist: Es gibt Schneider Weiße Alkoholfrei vom Fass. Die schlechte Nachricht ist: Es gibt Schneider Weiße Alkoholfrei vom Fass. Denn pro Becher dauert es gefühlt etwa 40 Sekunden. Auch wenn ich als einer der letzten ins Ziel gekommen bin (denke ich zumindest, bei der Zeit…), ist es doch noch ziemlich voll. Ich warte geduldig auf mein Bier und gehe langsam in Richtung Ausgang.

Am Ausgang dann noch eine Herausforderung: Um den Innenbereich des Stadions verlassen zu können, muss man über eine Brücke, die über die Läuferbahn führt, gehen; also nochmal eine kleine Anstrengung…

Auf der anderen Seite warten meine Freunde und begleiten mich schön langsam zum Auto. Auch wenn die Endorphine eine wilde Orgie feiern, merke ich doch meine Knochen; aber das war’s wert!

Nächstes Jahr gerne wieder…

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